
Es ist eine besondere Form der Wiedergutmachung, wenn in aktuellen Romanen rund um das Bauhaus-Jubiläum nicht die einst so gefeierten Männer wie Gropius, Itten oder Kandinsky für ihren Aufbruch in die Moderne abgefeiert werden, sondern die zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Frauen. So geschieht es zum Beispiel in dem ebenso spannenden wie aufschlussreichen Kriminalroman „Tod am Bauhaus“ von Susanne Kronenberg. Die im Weimar der Jetztzeit angesiedelte Handlung bringt die eigentlich zu Urlaubszwecken angereiste Privatdetektivin Norma Tann in arge Not. Denn ihr Lebensgefährte Timon, beim hessischen LKA als Mediziner beschäftigt, ist spurlos verschwunden. Er war in einer Erbschaftsangelegenheit vorausgereist und wollte mit Norma nach der Testamentseröffnung ein paar entspannte Urlaubstage verleben. Es sind eine historische Aufnahme der Bauhaus-Fotografin Lucia Moholy und ein Kinderschrank der Holzbildhauerin Alma Siedhoff-Buscher, die Norma schließlich auf die Spur dubioser rechter Aktivitäten in und um Weimar bringen und ihr gleichzeitig eine weitgehend in Vergessenheit geratene Welt weiblichen Schaffens im Bauhaus offenbaren. Die Frage, was ihr Freund mit alledem zu tun hat und ob er überhaupt noch lebt, verleiht der Geschichte einen gut konstruierten Spannungsbogen, der bis zum aufregenden Finale trägt.
Auch Florian Wacker arbeitet in seinem Roman „Zebras im Schnee“ mit zwei Zeitebenen. In seinem Fall ist es der in New York lebende Architekt Richard Kugelman, der für eine geplante Ausstellung über das „Neue Frankfurt“ der 1920er Jahre nach Frankfurt reist. Dort begegnen ihm die Fotografien von Ella Burmeister, einer früheren Freundin seiner Mutter. Was Lucia Moholy für das Bauhaus war – ihren Fotografien ist es zu verdanken, dass wir heute so genaue Details der Bauhaus-Architektur kennen -, war die (fiktive) Ella Burmeister für das Neue Frankfurt. Auf ihren Spuren gewinnt der New Yorker Professor intensiven Einblick in die Aufbruchsstimmung der 1920er Jahre, in den Geist der Moderne, wie er auch in Frankfurt allenthalben zu architektonischen und gesellschaftlichen Aufbrüchen führte. Aber auch die zu Beginn der 1930er Jahre immer beklemmender werdende politische Situation erschließt sich ihm im Zuge seiner Recherchen hautnah. Richard Kugelman beschließt, die Fotografien von Ella Burmeister zum „Aufhänger“ für seine Ausstellung in New York zu machen. Was ihn dabei umtreibt, ist nicht zuletzt die Frage nach dem besonderen Verhältnis zwischen Ella und seiner Mutter…. Die beiden Handlungsstränge schneidet Florian Wacker gekonnt und mit einer raffinierten Spannungsdramaturgie ineinander. Und auch, wenn seine Figuren fiktiv sind, erschließt sich beim Lesen eine Menge über die Lebensverhältnisse mutiger, ungewöhnlicher Frauen im Aufbruch jener inzwischen hundert Jahre zurückliegenden Epoche.
Mehr zu diesem Thema und zu den vergessenen „Bauhaus-Frauen“ bietet die Veranstaltung am 18. September im Kulturbahnhof – siehe Seite 17
Rita Mielke
Susanne Kronenberg: Tod am Bauhaus. Meßkirch: Gmeiner. 2024. 284 S., 15,00 €
Fabio Genovesi: Vom Mut, das Glück zu suchen. München: Penguin Verlag. 2023. 382 S., 25,00 €