
Cay Rademacher ist für Krimifans kein Unbekannter.
Insbesondere seine atmosphärisch dichten Provence-Romane haben ihn bekannt gemacht. Auch sein neuestes Buch ist ein Kriminalroman, allerdings ist er nicht im sonnigen Frankreich-Ambiente, sondern in der beklemmenden Atmosphäre der letzten Kriegstage in Köln angesiedelt. In der Domstadt hat Rademacher lange gelebt und seine Studienjahre verbracht. Dort stieß er auf ein Thema, das ihn seither nicht mehr losgelassen und das er jetzt in einen spannenden historischen Kriminalroman eingebunden hat: Protagonist des Buches ist Joe Salmon, der ursprünglich Joseph Salomon hieß, in Köln Kindheit und Jugend verlebte und dann noch gerade rechtzeitig in den 1930er Jahren mit seiner Familie aus Deutschland in die USA fliehen konnte. In den Vereinigten Staaten ist er – wie zahlreiche andere deutsche und österreichische Emigranten - in einem Trainingscenter der US-Armee zu einem sogenannten „Ritchie-Boy“ ausgebildet worden: Deren Aufgabe war es, in Deutschland am Ende des Krieges den Prozess der Entnazifizierung und Demokratisierung voranzubringen. Joe wird im Roman zurück in seine Heimatstadt Köln geschickt. Die Stadt liegt in Trümmern – und gerade mal 20.000 Menschen leben noch dort. Seine Aufgabe ist eine sehr spezielle. Denn er soll den Mörder des amerikanischen Piloten Richard Rohrer finden, der bei einem der letzten amerikanischen Bombenangriffe über Köln abgeschossen wurde und mit dem Fallschirm mitten in den Trümmern der St. Kolumba-Kirche gelandet ist. Als er die Augen öffnet, blickt er der berühmten „Madonna in den Trümmern“ ins Gesicht. Es ist sein letzter Augen-Blick, denn genau in diesem Moment wird er erschossen. Dass viele britische und amerikanische Piloten abgeschossen wurden, mit ihrem Fallschirm in der Stadt landeten und dort dann zu Tode kamen, getötet, ermordet von Gestapoangehörigen oder auch von Zivilisten, sei kein Einzelfall gewesen, weiß Cay Rademacher. Fälle solcher Lynchjustiz könne es, so vermutet man heute, bis zu tausend gegeben haben – ein Umstand, der ihn nicht mehr losgelassen habe. Im Roman wird Joe Salmon damit beauftragt, den Mörder des Piloten zu finden. Unterstützung erhält er bei seinen Recherchen von einem prominenten englischen Kriegsreporter, George Orwell. Er begegnet der Schriftstellerin Irmgard Keun, Konrad Adenauer und Hermann Claasen, dem berühmten Kölner „Trümmer-Fotografen“. Für Joe Salmon verbindet sich der offizielle Job mit einem privaten Anliegen: Denn zu gern möchte er auch etwas erfahren über Jakub und Hilde, den Kameraden aus Jugendzeiten, die ihm vor seiner Emigration so ans Herz gewachsen waren …
Cay Rademacher hat einen ebenso spannenden wie gut recherchierten Köln-Roman geschrieben, der die Atmosphäre in der Stadt zu Kriegsende in beklemmender Eindringlichkeit einfängt und in eine gut konstruierte Handlung einbindet. Die historischen Fakten zu den Lynchmorden wie zu den Aufgaben der Ritchie-Boys, über die bislang wenig bekannt ist, wecken Neugier und ermutigen zu weiteren Nachforschungen. Ein beispielhafter historischer Kriminalroman – unbedingt zur Lektüre empfohlen.
Rita Mielke
Cay Rademacher: Nacht der Ruinen. Köln: Dumont. 2025. 430 S., 24,00 €