
Das mühsame Ringen von Frauen um ihre Rechte und eine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben: Es ist in den vergangenen Jahrzehnten häufig zum literarischen Thema gemacht worden – in historischen Romanen, aber auch mit Blick auf die Gegenwart. Selten waren die Schauplätze des Geschehens dabei außerhalb Europas oder der Vereinigten Staaten angesiedelt. Umso bemerkenswerter ist der Roman der Brasilianerin Angélica Lopes. „Die Frauen der Familie Flores“ entführt uns in eine ländliche Region im Nordosten des südamerikanischen Landes und in die Zeit um 1920. Wir lernen dort die Familie Flores kennen, richtiger: die Frauen der Familie. Auf ihnen liegt – angeblich – ein Fluch, der besagt, dass über sieben Generationen hinweg alle Männer der Familie einen frühen Tod sterben werden. Und in der Tat scheint sich dieser Fluch zu bewahrheiten. Deshalb sind die Frauen weitgehend auf sich gestellt – und auf die Arbeit, mit der sie ihren Lebensunterhalt verdienen. Ohne die Aufsicht von Vätern, Ehemännern oder Brüdern gelingt ihnen ein weitgehend selbstbestimmtes Leben, wie es für Frauen jener Zeit eher außergewöhnlich ist. Alle Frauen der Familie und einige vertraute Freundinnen treffen sich täglich, um kunstvolle Handarbeiten zu verrichten. Denn sie alle beherrschen die seltene Kunst einer filigranen Spitzenstickerei, mit der sie Schleier und Tücher verzieren. Als Eugenia, eine der befreundeten Stickerinnen, aus ihrem Kreis gerissen und mit einem viel älteren, brutalen Witwer verheiratet wird, ersinnen sie eine List. In ihre Stickarbeiten fügen sie fortan einen geheimen „Stick-Code“ ein, den niemand außer ihnen zu lesen imstande ist und mit dem sie weiterhin Kontakt zueinander halten können.
Dieser historischen und einen dramatischen Verlauf nehmenden Zeitebene fügt Angélica Lopes eine zweite, zeitgenössische Ebene hinzu: Hier begegnen wir Alice, der letzten Nachfahrin der Familie Flores, der „siebten Generation“, die einen ‚codierten‘ Schleier ihrer Vorfahrinnen erbt und sich auf die Spuren ihrer Vorfahrinnen und deren Geschichte begibt…
Frauen-Geschichte(n) gestern und heute – sie hat so viele Facetten. Und einige davon „webt“ die brasilianische Autorin eindringlich und
eindrucksvoll in ihren Roman ein. Sie eröffnet Perspektiven in eine Welt, die sich ganz anders als die westlich-europäische entwickelt hat, aber im gesellschaftlichen Umgang mit dem „anderen Geschlecht“ auch ganz viele Gemeinsamkeiten aufweist. Und doch steht im Vordergrund des Buches nicht die Opferrolle der Frauen, sondern ihr „stiller“ Kampf, ihre Solidarität, ihre verborgene Stärke. All das erleben wir in einem mitreißend erzählten, atmosphärisch dichten Roman, der in seiner Farbigkeit zuweilen an die Romane des großen Literaturnobelpreisträgers Gabriel Garcia Marquez erinnert. Unbedingt lesenswert!
Rita Mielke
Angélica Lopes: Die Frauen der Familie Flores. München: Hanser. 2025. 302 S., 22,- €