
Es gibt Debütromane, bei denen man nicht glauben mag, dass sie das Erstlingswerk eines Autors sind: „Kala“ von Colin Walsh gehört ohne Frage in diese Kategorie!
Ein Roman, bei dem man schwer entscheiden kann, ob man ihn eher als großen Coming-of-Age-Roman oder doch eher als subtile Kriminalgeschichte bezeichnen soll. Angesiedelt ist der Roman im irischen Städtchen Kinlough, auf zwei Zeitebenen, 2003 und dann fünfzehn Jahre später, 2018.
Erzählt wird die Geschichte einer einst verschworenen Clique, Freunden fürs Leben, Mush, Helen, Joe, Aidan und Aoife. Im Mittelpunkt der Gruppe steht die ungestüme, charismatische Kala, ein Wildfang, der emotionale Mittelpunkt der Clique, ihr Herzschlag. Dann, von einem Tag auf den andern, ist Kala verschwunden. Und diese Tragödie wird das Leben der andern für immer verändern.
15 Jahre später kehrt Helen in die alte Heimat zurück. Joe, mittlerweile ein berühmter Musiker, weilt ebenfalls in der Stadt, um ein Konzert zu geben. Mush ist immer in Kinlough geblieben und arbeitet dort im Café seiner Mutter. Als man menschliche Überreste im Wald findet, werden die drei erneut mit dem seinerzeit rätselhaften Verschwinden ihrer Freundin Kala konfrontiert. Was ist damals wirklich geschehen und welche Rolle spielte jede und jeder Einzelne von ihnen dabei? Helen, Joe und Mush, die aus drei Perspektiven erzählen, müssen sich endlich ihrer Vergangenheit und den Fragen von Verantwortung und Schuld, Rache und Vergebung, Verzweiflung und Erlösung stellen.
Colin Walsh gelingt es, eindringlich jeden Charakter aus der Perspektive der anderen beiden Protagonisten zu beleuchten und uns als Lesern gleichzeitig genügend Raum für eigene Vermutungen und Deutungen zu lassen. Dabei dreht sich alles um die zentrale - und auf der zweiten Zeitebene abwesende - Figur der Kala Lanann.
In ihrer Geschichte spiegelt sich die Lebenswirklichkeit einer Kleinstadt, in der immer noch Gerüchte, Schweigen und soziale Kontrolle den Alltag bestimmen. Dagegen rebellierte Kala, daran verzweifelte sie auch: Denn sie hatte eine tiefe Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Anerkennung, umso mehr, als sie elternlos bei ihrer Großmutter aufwuchs. Daran hat sich auch fünfzehn Jahre nach ihrem Verschwinden wenig geändert.
Colin Walsh ist an der irischen Westküste geboren, lebt heute aber in Belgien. „Kala“, 2023 in Englisch veröffentlicht, wurde sogleich mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet – mit gutem Grund! Wie Walsh subtil und perfekt komponiert ein lange verdrängtes Geheimnis auflöst, wie er dabei einen je eigenen Sound für die drei verschiedenen Erzähler findet und dabei eine zutiefst berührende Geschichte erzählt, ohne je ins Kitschige abzugleiten: Das verdient allergrößtes Lob. Ein englischer Kritiker hat geschrieben: „Wenn Sie nur ein Buch in diesem Jahr lesen, muss es „Kala“ sein. Ein Geniestreich!“ Dem ist nichts hinzuzufügen!
Rita Mielke
Colin Walsh: Kala. Berlin: Gutkind Verlag. 2026. 528 S., 24 €