Buchvorstellung Mörderische Eifersucht

Es braucht nur wenige Seiten, dann ist man gepackt von der Geschichte, die die italienische Autorin Antonella Lattanzi in einem brütendheißen Sommer in Rom spielen lässt. Dort lebt Carla Semeraro, eine Frau in mittleren Jahren, Mutter von zwei erwachsenen Kindern und eines nachgeborenen Nesthäkchens. Ihr Leben war jahrelang ein Martyrium, denn ihr Mann Vito leidet unter pathologischer Eifersucht, lässt sie keine Minute aus den Augen, stellt ihr nach, verdächtigt und beschuldigt sie für Dinge, die sie nie getan hat, und schreckt, wenn seine Emotionen außer Kontrolle geraten, auch nicht davor zurück, sie körperlich anzugreifen und zu misshandeln. Ganz im Gegensatz dazu steht sein Verhalten als Vater: Seinen Kindern gegenüber ist er stets zärtlich, liebevoll, fürsorglich. Dass gilt im übrigen auch für seine Geliebte und deren Tochter, zu der er seit Jahren einen engen und intensiven Kontakt pflegt. Dass Carla sich in ihrer Verzweiflung irgendwann von ihm getrennt und die Scheidung eingereicht hat, hat er nie verwunden. Immer wieder sucht er die Nähe zur Familie – auch an jenem denkwürdigen Tag, an dem die kleine Mara ihren dritten Geburtstag begeht und Carla ihn, um der Tochter eine Freude zu bereiten, zur Geburtstagsfeier einlädt. Am Abend nach dieser Geburtstagsfeier verschwindet Vito spurlos, die Familie, die Geliebte, die Kollegen sind zutiefst besorgt. Wochen später wird sein verunstalteter Leichnam auf einer Müllhalde gefunden.

Was ist an jenem Abend geschehen? Alle Spuren führen zu Carla. Und sie gesteht die Tat – aber für den Leser bleibt dieses Geständnis, mit gutem Grund, unbefriedigend. Antonella Lattanzi geht es nicht um die schnelle Aufklärung eines Verbrechens, vielmehr lädt sie ihre Leserinnen und Leser zu einer mit psychologischem Feingespür angelegten Reise in die komplexe, komplizierte und abgründige Seelenlandschaft ihrer Figuren ein, in eine unter der Oberfläche brodelnde Familienkonstellation, die von der drängenden Schuldfrage zunehmend zerfressen wird. Mit atemberaubender Intensität leuchtet sie die emotionalen Winkel und Abgründe aus, sorgt für überraschende Wendungen und dafür, dass sich erst ganz allmählich herauskristallisiert, was an jenem heißen Augustabend in Rom wirklich geschehen ist.

Antonella Lattanzi ist in Italien eine erfolgreiche junge Drehbuchautorin. Nicht zufällig hat man beim Lesen ihres Debütromans immer wieder Bilder wie aus alten Hitchcock-Filmen vor Augen. Und in der Tat sind die Filmrechte für ihren Roman bereits verkauft. Bleibt abzuwarten, ob er an die ungeheure Intensität des Buches (und des Films, der beim Lesen in der eigenen Fantasie abläuft), heranreichen kann.

Rita Mielke

Antonella Lattanzi: Noch war es Nacht. Reinbek: Kindler. 2018. 286 S., 20,- Euro