Buchvorstellung – Skurrile Typen und andere nette Menschen im Universum des Marten t‘Hart

Keine Frage: Marten t’Hart ist einer der ganz großen europäischen Erzähler der Gegenwart. Seine Geschichten und Romane haben, was heute nur noch selten anzutreffen ist: einen absolut unverwechselbaren Sprachduktus, den t’Hart-Leserinnen und –Leser unter Hunderten von Büchern immer wiedererkennen würden. Und noch etwas zeichnet den Niederländer aus: dass er Kurzgeschichten und Erzählungen ebenso meisterlich beherrscht, wie die Langform des Romans. Das beweist er eindringlich in seinem neuen Band mit 18 Erzählungen, der jetzt unter dem Titel „So viele Hähne, so nah beim Haus“ im Piper-Verlag erschienen ist. Es sind allesamt Ich-Erzählungen, viele vermutlich autobiografisch gefärbt, manche gerade mal drei oder vier Seiten, andere bis zu 40 Seiten lang. Marten t’Harts Lebensthemen, sind seine Liebe zur Orgelmusik und insbesondere zum Werk von Johann Sebastian Bach, seine Leidenschaft für Pflanzen und Gärten, aber auch seine lebenslange Auseinandersetzung mit dem niederländischen Protestantismus, der ihn in Kinderzeiten zutiefst verstört und schließlich zum Atheisten gemacht hat. Sie alle sind auch in den vorliegenden Kurzgeschichten auf die eine oder andere Art präsent. So lernen wir einen kleinen Jungen kennen, der den Ich-Erzähler bittet, ihn zum lieben Gott zu bringen, damit er vor Ort um Hilfe für seine kranke Mutter bitten kann („Wie Gott erschien in Warmond“). Wir erleben, wie der Erzähler Orgel spielen soll in einem Gottesdienst, zu dem sich kein einziger Gläubiger eingefunden hat. In „Der Wiegestuhl“ geht es um eine Reise des Ich-Erzählers nach Stockholm. Im Gepäck hat er den Roman, „Doktor Glas“ von Hjalmar Söderberg. Und beides, den Roman wie die Stadt, legt er dem Leser im Laufe der Geschichte so intensiv und so eindrücklich ans Herz, dass man sich am liebsten gleich selbst aufmachen, das Buch besorgen und die Stadt besichtigen würde. Eine der skurrilsten Erzählungen ist die titelgebende Geschichte eines Mannes, der unmittelbar vor einem Gefängnis immer wieder Hähne aussetzt – ein Racheakt, dessen Erklärung Marten t’Harts Geschichte ebenso lakonisch und gelassen liefert wie die Pointe aller anderen Texte. Es ist gerade die einzigartige Mischung aus t’Harts Blick für amüsant-anekdotische Situationen, aus tragikomischen Alltagsbegebenheiten und der feinen, leisen Melancholie des Erzähltons, die diese Geschichten so besonders machen. Ob all diese Erlebnisse t’Hart wirklich so widerfahren sind? Gut möglich! Falls nicht, hat er sie wunderbar erfunden.
In den Niederlanden ist das Buch nach seiner Veröffentlichung 2016 als bester Erzählband ausgezeichnet worden. Alle deutschen Marten t’Hart-Fans werden an diesem Band ihre helle Freude haben. Und wer den Autor noch nicht kennt, hat mit diesen Geschichten eine ideale Chance, in den Kosmos des großen Niederländers einzutauchen. Viele weitere Romane warten dann auf eine Entdeckung.

Rita Mielke

Marten t’Hart: So viele Hähne, so nah beim Haus. München: Piper. 2019. 284 S., 22,- Euro