Buchvorstellung – Hannes aus Aachen und die Geschichte des Windes

Geschichte ist ungerecht: Sie sorgt dafür, dass Namen und Persönlichkeiten auf alle Zeiten im historischen Gedächtnis erhalten bleiben. Und sie sorgt gleichzeitig dafür, dass andere Persönlichkeiten in gleicher Weise dem Vergessen anheim gegeben werden.

Der Portugiese Ferdinand Magellan gehört zu ersteren, ist in die Geschichte eingegangen als erster Seefahrer, der die Welt umschiffte. Ein anderer dagegen, Juan Aleman de Aquisgran, zu Deutsch: Hannes aus Aachen, gehört zur Kategorie der Vergessenen. Dabei ist seine Lebensleistung mindestens ebenso bedeutsam: Hannes heuert im Jahr 1519 als Kanonier auf einem der Schiffe des Seefahrers Ferdinand Magellan an, der mit seiner Weltumseglung Ruhm und Ehre und natürlich auch Besitz der spanischen Krone mehren soll. Hunderte verdingten sich damals für Magellans Flotte, nur 18 kehrten nach drei entbehrungsreichen Jahren zurück. Hannes aus Aachen war einer von ihnen – schon das eine grandiose Leistung. Aber Hannes brach ein zweites und ein drittes Mal auf, 1525 und 1542: „Er war auch der allererste Mensch, der die Erde gleich zweimal umrundete, um darauf zu einer dritten Weltfahrt aufzubrechen. Das ist alles, was von diesem Hannes dem Deutschen aus Aachen überliefert ist. Alles andere ist die Wahrheit einer Geschichte gegenüber der Geschichte.“

So ist es nachzulesen im neuen Roman von Raoul Schrott, der den wunderbaren Titel trägt: „Eine Geschichte des Windes oder Von dem deutschen Kanonier, der erstmals die Welt umrundete und dann ein zweites und ein drittes Mal“. Opulent wie der Titel ist auch die Aufmachung des Buches, die mit altertümlichem Schriftbild, mit von Hand geschnitten wirkendem Buchblock und einer historischen Weltkarte optisch die Brücke schlägt zu einer frühen Gattung Erzählliteratur, der Schrott sich verpflichtet fühlt und an die er anknüpft: dem Schelmenroman des 16. und 17. Jahrhunderts und dessen prominentesten Vertreter, dem ‚Simplizissimus‘ von Grimmelshausen. Raoul Schrotts Protagonist ist ein unfreiwilliger Schelm, ein naiver, unbedarfter Erzähler, dessen Abenteuerlust und Welterkundungsdrang, dessen schlichter Glaube an Gut und Böse und den das Leben lenkenden Gott im Himmel seine Beschreibungen der dramatischen Erlebnisse auf hoher See bestimmen. Raoul Schrott erzählt mit spürbarer Fabulierlust von den Abenteuern auf hoher See, von Stürmen und Unwettern und Kannibalen, von Mord und Totschlag, mal augenzwinkernd und witzig, zuweilen durchaus nachdenklich stimmend, immer auf hohem erzählerischen Niveau. Und dass wir als Leser bis zum Ende nicht so ganz genau wissen, ob Hannes aus Aachen, der Kanonier, nun wirklich ein Vergessener der Weltgeschichte ist oder nur eine Magellan als erzählerische Fiktion an die Seite gestellte Figur: Das tut dem Roman überhaupt keinen Abbruch, zeugt aber von dem raffinierten Spiel des preisgekrönten österreichischen Autors mit Fakten und Fiktionen.

Rita Mielke

Raoul Schott: „Eine Geschichte des Windes oder Von dem deutschen Kanonier, der erstmals die Welt umrundete und dann ein zweites und ein drittes Mal“. München: Hanser. 2019. 324 S., 26,00 €