Wofür es sich zu leben lohnt

Mr. Doubler ist ein Sonderling und Eigenbrötler, einer, den nichts auf der Welt so sehr interessiert wie die Herausforderung, die er sich zur Lebensaufgabe erkoren hat: Nach dem Vorbild des von ihm verehrten Kartoffelzüchters John Clarke (1889 – 1980) will er eine Kartoffelsorte kultivieren, die gegen die Kartoffelfäule resistent ist. Dafür hat er ein abgelegenes Gehöft mit weitläufigen Ländereien erworben, auf dem er allein und ohne jeden Kontakt zur Außenwelt haust. Denn seine Frau hat irgendwann das Weite gesucht, und sein Sohn und seine Tochter, die Mr. Doubler allein aufgezogen hat, pflegen nur noch sporadisch den Kontakt zum Vater. Alles, was er zum Leben braucht, lässt Doubler sich nach Hause liefern. So braucht er den Hof praktisch nicht mehr zu verlassen. Sein einziger sozialer Kontakt ist Mrs. Millwood, offiziell seine Haushaltshilfe, in Wirklichkeit seine einzige Gesprächspartnerin und Beraterin in allen wichtigen Lebensfragen. Als Mrs. Millwood an Krebs erkrankt und für unabsehbare Zeit ausfällt, gerät der Alltag des verbitterten alten Kauz komplett aus den Fugen.

Aber: Es ist nie zu spät, zu einem glücklichen alten Menschen zu werden. Das ist die Sentenz dieses wunderbar klugen und dabei auf typisch britische Art immer auch ein bisschen humorvollen Romans. Denn um Mrs. Millwood einen Gefallen zu tun, überwindet Mr. Doubler seinen inneren Schweinehund und erklärt sich bereit, an Stelle seiner Haushälterin deren ehrenamtlichen Job in einem Tierheim zu übernehmen. Er lernt neue Menschen – und an sich selbst ganz neue Seiten kennen. Er muss sich mit seinem Leben auseinandersetzen, mit der Vergangenheit, aber auch mit der Frage, was ihm denn wichtig ist für die Zukunft. Seni Glaister entführt ihre LeserInnen in ein Szenario, in dem es – „very british“ - von schrulligen und kauzigen Typen nur so wimmelt. Jede und jeder hat – wie Mr. Doubler – ein ordentliches Paket vom Schicksal aufgebürdet bekommen. Aber es ist das eine, angesichts einer solchen Bürde vor dem Leben zu kapitulieren; ein anderes, sein eigenes Schicksal aktiv zu in die Hand zu nehmen und selbst zu gestalten – so wie Mr. Doubler es „auf seine alten Tage“ noch lernt.

Seni Glaisters Buch bietet keine abenteuerliche, dramatische, weltbewegende Handlung. Eher ist es ein philosophischer Roman mit eindringlichen Gedankenanstößen für alle, die sich auf existentielle Lebensfragen einlassen mögen. Und dann ist da ja auch noch Mrs. Millwood, deren Erkrankung und Chemotherapie Mr. Doubler viel mehr bekümmern, als er es sich selbst zunächst eingestehen mag. Die täglichen Telefonate mit ihr werden zum „Rettungsanker“ in seinem „neuen“ Leben. Und als sie sich endlich bereiterklärt, dass er sie am Krankenbett besuchen darf, trifft er eine weitreichende Entscheidung...

Rita Mielke

Seni Glaister: Mr. Doubler und die Kunst der Kartoffel. Hamburg: HarperCollins. 2019. 432 S., 14,99 €