Kanada literarisch entdecken

Coronabedingt wird es erst im nächstem Jahr die Frankfurter Buchmesse geben. Ihren Fokus hat sie dabei auf das ausgewählte Gastland Kanada gelegt.

Dass kanadische Literatur überhaupt in ihrer thematischen und formalen Eigenständigkeit wahrgenommen wird, ist nicht zuletzt der Verdienst der auch hierzulande prominentesten literarischen Stimme Kanadas - Margaret Atwood. Mit „Der Report der Magd“, einem Blick in eine fundamentalistisch geprägte Zukunft, in der Frauen zu Gebärmaschinen degradiert werden, wurde sie in den 1980er Jahren weltberühmt. Der Fortsetzungsroman „Die Zeuginnen“ wurde 2019 mit dem renommierten „Booker Prize“ ausgezeichnet.
Dass Atwood seit ihren Anfängen immer auch Gedichte verfasst hat, mehr noch, dass gerade diese Gedichte einen Zugang zu ihrem Denken und Fühlen ermöglichen, zu ihrer fast schon romantischen Liebe zur Natur und zu ihrer kanadischen Heimat ebenso wie zu den Wurzeln ihres politischen Engagements als Feministin und Naturschützerin: All das war deutschen Leserinnen und Lesern bislang wenig bekannt. Eindrucksvolle Nachhilfe liefert da in diesem Herbst ein zweisprachiger Band mit gesammelten Gedichten aus dreißig Jahren („Die Füchsin“).


Mit Alice Munro erhielt Kanada 2013 zum ersten Mal den Literaturnobelpreis. Die auf einer kanadischen Silberfuchsfarm aufgewachsene Autorin hat die Kurzgeschichte als literarische Kunstform revolutioniert und geadelt, insbesondere mit ihrem unverwechselbar lapidaren Ton, hinter dem die Tiefenschärfe ihrer Weltsicht oft verborgen lauert. Der einzige „Roman“, eine zusammenhängende Abfolge einzelner Geschichten, erzählt eine Art „coming-of-age“-Geschichte eines jungen Mädchens, das in einem verschlafenen Nest und konfrontiert mit traditionellen Rollenbildern seinen eigenen Weg suchen muss. „Kleine Aussichten“, so Alice Munro, sei „in der Anlage autobio- graphisch, nicht aber in den Details”. Eine Neuausgabe des 1971 veröffentlichten Buches hat der S. Fischer Verlag schon 2016 in seiner handlichen Taschenbibliothek herausgebracht.


Eine absolute Neuentdeckung ist die kanadische Malerin Emily Carr, die in ihrer Heimat auch als Autorin berühmt geworden ist. Mit „Klee Wyck“ veröffentlichte sie 1941 eine Sammlung von literarischen Skizzen, deren Protagonisten allesamt zu den indianischen Ureinwohnern an der kanadischen Westküste gehören. Dort verbrachte die Malerin Carr viele Jahre ihres Lebens auf der Suche nach Spuren einer traditionellen, aber von Politik und Religion systematisch zerstörten Kultur. In ihren Geschichten gibt Carr den Menschen indianischer Abstammung und ihren Schicksalen eine Bühne, passioniert, aber niemals pathetisch – und gerade deshalb umso nachdrücklicher. Die exzellent edierte deutsche Übersetzung gibt den kompletten Text, nicht die lange Jahre in Kanada aus fragwürdigen politischen Gründen nur gekürzt erhältliche Ausgabe wieder!


Im hohen Norden Kanadas hat sich auch der Schweizer Historiker Manuel Menrath auf Spurensuche begeben, ist zu den Nachfahren der Cree und Ojibwe und anderer Indianerstämme gereist und hat mit mehr als hundert von ihnen ausführliche Interviews geführt. „Unter dem Nordlicht“ fördert ein hierzulande wenig bekanntes Bild der jüngeren kanadischen Vergangenheit aus dem Blickwinkel seiner indigenen Völker zutage, erzählt von sozialen wie seelischen Verwüstungen, von Kindern, denen in der Schule brutal Sprache und Traditionen ausgetrieben wurden, von Ritualen und Geheimnissen, die verloren gehen, von gemeinschaftlichem Miteinander, das auf harte Proben gestellt wird, und von einer Natur, deren Zerstörung die Indianer nicht zu verhindern wissen. Wer Kanada verstehen will, sollte dieses Buch unbedingt zur Hand nehmen…


vorgestellt von Rita Mielke

Margaret Atwood: Die Füchsin. Gedichte 1965-1995. Berlin: Berlin Verl., 2020, 416 S., 40,00 Euro
Alice Munro: Kleine Aussichten. Frankfurt/M: Fischer Taschenbibliothek. 2016. 464 S., 13,00 Euro
Emily Carr: Klee Wyck – Die, die lacht. Berlin: Das kulturelle Gedächtnis. 2020. 176 S., 20,00 Euro
Manuel Menrath: Unter dem Nordlicht. Indianer aus Kanada erzählen von ihrem Land. Berlin: Galiani. 2020. 480 S., 26.00 Euro.