Ein 240 Seiten starkes „Corona-Baby“

Korschenbroicher Autorin ging am Schreibtisch auf Weltreise. Rita Mielke organisiert seit mehr als zehn Jahren das Literaturfestival „Korschenbroich liest“ und das niederrheinweite „HORIZONTE“-Literaturprogramm, das alle zwei Jahre auch an verschiedenen Orten im Rhein-Kreis Neuss Station macht. Jetzt hat die Veranstaltungsmanagerin und Journalistin im Duden-Verlag ein neues Buch veröffentlicht.

IN: Sie sind mitten im Corona-Lockdown auf Entdeckungsreise gegangen? Wieviel Mut brauchte es dazu?
Mielke: Mut weniger, eher Neugier. Denn meine „Weltreise“ hat komplett am Schreibtisch stattgefunden. Da habe ich mich durch Berge von historischen Dokumenten, Reise- und Abenteuerberichten und Studien von Ethnologen und Sprachforschern gearbeitet. Daraus sind am Ende dann 50 Geschichten über 50 spannende, geheimnisvolle, außergewöhnliche Sprachen auf 5 Kontinenten geworden.
IN: Und wie fühlen Sie sich jetzt, nach der „Rückkehr“?
Mielke: Es war wirklich ein großes Abenteuer. Ich habe unendlich viel gelernt und einen ganz neuen Blick auf die Welt gewonnen. Die Vielfalt und die Unterschiedlichkeit der Sprachen haben mich begeistert – und insbesondere die vielen Geschichten, die es rund um die Sprachen zu erzählen gibt.
IN: Haben Sie ein paar Beispiele für uns?
Mielke: Nun, ich liefere im Buch zum Beispiel eine Antwort auf die Frage, weshalb in den Cornwall-Romanen von Rosamunde Pilcher niemand mehr Kornisch spricht. Ich erkläre, was es mit dem „Unserdeutsch“ auf sich hat, das auf einer fernen Pazifik-Insel gesprochen wird. In einem Kapitel erzähle ich, was Michael Endes „Jim Knopf“ mit einem kleinen Feuerlandindianer namens „Jemmy Button“ zu tun hat, in einem anderen, inwiefern das Känguruh seinen Namen Captain James Cook zu verdanken hat. – Daneben gibt es allerdings auch eine Menge tragischer Sprach-Schicksale!
IN: Der Titel Ihres Buches heißt ja auch „Atlas der verlorenen Sprachen“!
Mielke: Ja, wobei „verloren“ durchaus auch für „bedroht“, „gefährdet“ oder „vergessen“ stehen kann. Experten gehen davon aus, dass von den heute noch 7.000 Sprachen auf der Welt schon in hundert Jahren mehr als die Hälfte ausgestorben sein werden. Von den Sprachen in meinem Buch werden viele nur noch von einer Handvoll Menschen gesprochen. Stirbt der letzte Sprecher, nimmt er seine Sprache mit ins Grab.
IN: Was sind denn die Ursachen für das Aussterben von Sprachen?
Mielke: Die häufigste Ursache ist in der Haltung der europäischen Kolonialpolitik und im einstigen Missionierungseifer von Kirchen und Orden zu suchen. Ob Kolonialpolitiker oder Ordensleute: Sie sind durch die Welt gereist in dem Bewusstsein der vermeintlichen Überlegenheit ihrer eigenen Kultur und Sprache – und haben überall auf der Welt die kleinen indigenen Gemeinschaften dazu gezwungen, die eigene Muttersprache aufzugeben und die jeweilige Kolonialsprache zu erlernen. Diese Erkenntnis hat mich ehrlich erschüttert. Denn Muttersprache ist für jeden Menschen auch Heimat.
IN: Haben Sie unter den 50 Geschichten des Buches eine Lieblingsgeschichte?
Mielke: Viele! Aber eine ist besonders abenteuerlich. Sie erzählt von einem kleinen „gallischen Dorf“ mitten im Indischen Ozean. Dort leben auf einer Insel die Sentinelesen, und die haben bis heute jedweden Versuch, Kontakt zu ihnen aufzunehmen, mit Pfeil und Bogen abgewehrt. Kein Europäer hat bislang die Insel betreten, niemand weiß, welche Sprache sie sprechen. Alle Versuche, sie mit Geschenken freundlich zu stimmen, die ans Ufer der Insel geschickt wurden, blieben erfolglos. Bei einem dieser Versuche wurden rote und grüne Plastikeimer auf den Weg gebracht. Die roten haben die Sentinelesen begeistert in Empfang genommen, die grünen unbeachtet auf dem Wasser treiben lassen. Weshalb das so war, wird womöglich immer das Geheimnis dieser wehrhaften Inselgemeinschaft bleiben!
Vielen Dank für das Gespräch!

Rita Mielke „Atlas der verlorenenen Sprachen“. Berlin: Duden. 2020. 240 S. Mit Illustrationen von Hanna Zeckau. 28,00 €