Eine ganze Welt und ein Leben

Der schönste Satz des Buches steht gleich auf der ersten Seite. Da erfährt Surie von der Hebamme, dass sie erneut schwanger ist. In einer großen Familie wie der ihrigen sei das doch wohl kein Pro-blem, lautet der Kommentar der Hebamme: „Surie antwortete leise, dass ein einziges Kind eine ganze Welt sei.“ Surie muss es wissen, denn sie ist 57, hat bereits zehn Kinder und wird bald Urgroßmutter. Und dann in ihrem Alter wieder schwanger – mehr noch, schwanger mit Zwillingen! Surie gehört zur chassidischen Gemeinde in Williamsburg, ist dort hoch angesehen und genießt allseitige Wertschätzung. Die neuerliche Schwangerschaft – möglicherweise in Zusammenhang stehend mit einer Hormonbehandlung nach ihrer Brustkrebsoperation – bringt die Jüdin in die Bredouille: Sorge, Scham, Verzweiflung treiben sie um, und nicht einmal dem eigenen Ehemann, den sie noch genauso liebt wie vor vierzig Jahren, wagt sie sich anzuvertrauen.
Es ist eine ferne, fremde Welt, in die Goldie Goldbloom Einblick gewährt – die der orthodoxen Juden in Amerika, die ihren Alltag auch im 21. Jahrhundert noch nach extrem traditionellen Vorstellungen gestalten. Zehn und mehr Kinder sind dabei ebenso wenig eine Ausnahme wie die Rolle der Frauen als Mütter und Familienmittelpunkt. Für Surie Eckstein war das zeit ihres Lebens nie ein Problem: Sie hat diese Rolle selbstverständlich angenommen und nach besten Kräften ausgefüllt. Erst im Licht ihrer späten Schwangerschaft gerät für sie Vieles ins Wanken: Hat sie nicht auch Recht auf ein eigenes Leben? Wie wäre es, wenn sie auf ihre ‚alten Tage‘ noch einen Beruf erlernte? Wenn sie sich eine Welt jenseits ihrer Familie zugestehen würde, einen Frei-Raum, in dem sie sich und ihre Talente entfalten könnte? Was würde die Gemeinde dann von ihr halten? Überhaupt diese Gemeinde und ihre rigiden Vorstellungen: Einen Sohn zu haben, der sich zu seiner Homosexualität bekannte und dann aus Verzweiflung über die Reaktionen der Familie und der Gemeinde seinem Leben ein Ende setzte, wirft einen dunklen Schatten auf Suries Lebensbilanz: Kann sie mit alledem weiterleben, wenn sie sich und allen anderen gegenüber ehrlich ist?
Goldie Goldbloom selbst entstammt einer chassidischen Gemeinde. Der Einblick, den sie in diese für uns so befremdende Welt gewährt, ist zuweilen schonungslos, aber immer auch von warhmherziger Sympathie für den und die Einzelne geprägt. Die Geschichte der Ecksteins, die sie mit jeder Menge augenzwinkerndem Humor erzählt, und das Schicksal Suries, die spät – aber nicht zu spät - ihr Leben auf den Prüfstand stellt, ist anrührend und berührend: Ihre Geschichte macht deutlich, wie existenziell, wie über-lebenswichtig es sein kann, auch auf die scheinbar unerschütterlichen Gewissheiten des Lebens nicht blind zu vertrauen. Wie heißt es so passend in einem Gedicht von Marie Luise Kaschnitz: „Dass Du kein Beispiel geben kannst als dieses: Immer noch offen.”

Rita Mielke

Goldie Goldbloom: Eine ganze Welt. Hamburg: Hoffmann und Campe. 2020. 288 S., 24,- Euro