Herbstlese

Im Oktober geht regelmäßig ein großes Rauschen durch den Bücherwald: In Frankfurt steht die Buchmesse an. Der oder die Gewinner*in des Deutschen Buchpreises wird bekannt gegeben. Und in Stockholm wird der Literaturnobelpreis vergeben. Aber auch unabhängig von solchen Höhepunkten präsentieren die meisten Verlage im großen Schwung ihre Novitäten, damit Leserinnen und Leser für die bevorstehenden Herbst- und Wintermonate ordentlich ‚hamstern‘ können. Eine kleine erste Auswahl soll Ihnen bei der Zusammenstellung Ihrer Herbstlese behilflich sein. Von Rita Mielke


Alex Schulman: Die Überlebenden.

München: dtv. 2021. 298 S., 22 €
Zwanzig Jahre haben sie einander nicht gesehen, jetzt macht der Tod der Mutter ein Treffen unvermeidlich. Die drei Brüder Benjamin, Pierre und Nils kehren zurück in das Holzhaus am See, in dem sie mit ihren Eltern die Sommer verbracht haben. Für die drei Männer – und die Leser*innen des Buches – wird diese Rückkehr zu einer emotionalen Achterbahnfahrt. Denn die Jugend der drei war alles andere als ein unbeschwertes Bullerbü: Jeder auf seine Art musste um ein bisschen Zuwendung kämpfen, schließlich waren Vater wie Mutter mit einem gehörigen Alkoholproblem und der eigenen Existenz so beschäftigt, dass für Erziehung und Zuwendung kaum Raum blieb. Die drei Jungen waren sich selbst überlassen, mussten mit- und aneinander erwachsen werden, hassten sich und liebten sich und haben nie gelernt, über ihre Beziehung und ihre Konflikte miteinander zu sprechen. Hölle und Himmel einer Familie und ihrer dramatischen Verwerfungen sind in dieser Eindringlichkeit und Intensität schon lange nicht mehr so erzählt worden.


Anja Marschall (Hrsg.) Kaffee. Mokka. Tot.

Köln: emons. 2021. 256 S., 12 €
Perfekte Unterhaltung für alle Kaffee-, Cappuccino-, Espresso- oder Latte-Liebhaberinnen und -Liebhaber: Eine Sammlung von Kurzkrimis, in denen – natürlich – unendlich viel Kaffee getrunken wird, was nicht immer nur belebende (!) Wirkung hat, aber auch eine Menge Hintergründiges und Wissenswertes rund um das Jahrhunderte alte Kultgetränk zu erfahren ist: Da gewähren z.B. der aus Mönchengladbach stammende Volker Bleeck und Ehefrau Kirsten Püttjer einen Blick hinter die nicht so ehrbaren Kulissen smarter Hamburger Kaffeeimporteure. Oliver Buslau verbindet Historisches und Kriminalistisches rund um Beethovens Kaffeemaschine zu einer wunderbar skurrilen Geschichte, und Carsten Sebastian Henn lässt vor den Augen seiner Leser*innen einen in seiner Absurdität großartigen Elternabend lebendig werden, bei dem die Diskussion um den Kaffeekonsum einiger Kinder bei einem Ausflug monströse Dimensionen annimmt... Übrigens: Mit einer paar Kaffeebohnen dekoriert, ist dieses Buch ein originelles Mitbringsel für alle Krimi- und Kaffeefans!


Johann Hinrich Claussen, Ulrich Lilie: Für sich sein. Ein Atlas der Einsamkeiten.

München: Beck. 2021. 248 S., 18 €
Zu den zentralen Corona-Erfahrungen gehört das Erlebnis des Alleinseins, das helle, aber auch viele dunkle Seiten haben kann. Johann Hinrich Claussen, Kulturbeauftragter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, und Ulrich Lilie, der Präsident der Diakonie in Deutschland, vermessen in ihrem Buch das weite Feld des „Für sich seins“ im konkreten Alltag und in wissenschaftlichen Forschungen, aber auch in Religion, Literatur und Kunst: Wir begegnen dem Hl. Antonius in der Wüste, Isaac Newton in der Zurückgezogenheit seiner Studierstube und dem sich selbst völlig genügenden Solitär-Spieler. Wir horchen auf die Klänge der Einsamkeit in der Musik des Fado und der Stille traditioneller japanischer Haiku-Verse. Keine Frage: Es gibt Menschen, die Alleinsein zu schätzen wissen. Viele andere leiden unter unfreiwilliger Einsamkeit. Auch für sie bietet das Buch Hilfestellung – indem es Wege aus der ungewollten Abgeschiedenheit aufzeigt!


Ute Mank: Wildtriebe.

München: dtv. 2021. 286 S., 22 €
Ute Manks Roman spielt im Hessischen. Und dort, auf dem Bethches-Hof, begegnen wir der Bäuerin Lisbeth, ihrer Schwiegertochter Marlies und der Enkelin Joanna, die alle auf ihre Weise mit den und gegen die festgefahrenen Traditionen, gegen Vorurteile, Geringschätzung und etablierte Rollenbilder ankämpfen und sich dabei nicht zuletzt aneinander – und den so unterschiedlichen Lebensentwürfen - abarbeiten. Das Beeindruckende an diesem Roman ist, dass er mitreißt, obwohl – oder gerade weil – der gleichförmige Alltag der Frauen den Handlungsrahmen vorgibt. Über ihre Konflikte zu sprechen, haben sie nie gelernt – wie auch, wenn man in einem Landstrich zu Hause ist, dessen Mundart nicht einmal ein Wort für ‚Liebe‘ kennt. Ute Mank gelingt es mit ihrem vorurteilsfreien Blick, uns jede ihrer drei Protagonistinnen ans Herz wachsen zu lassen und aus der Distanz zu begreifen, dass sie jenseits aller Diskrepanzen im Grunde viel gemeinsam haben: Denn bei aller Unterschiedlichkeit kämpft jede von ihnen doch nur für das kleine Fitzelchen Glück. Ein stiller, unaufgeregter Roman mit großer Resonanzweite – inklusive der einen oder anderen Träne, die man beim Lesen verdrücken muss.