Ein-„Igeln“ in Zeiten der Pandemie

Wohl dem, der einen Garten hat und darin noch Reste vom Herbstlaub. Nicht unwahrscheinlich, dass dann irgendwo ein kleiner Igel sein Winterquartier dort aufschlägt. Experten weisen immer wieder darauf hin, dass man gesunde Igel in ihrem Winterschlaf – meist von November bis März – nicht stören, ihnen allenfalls ein kleines Schälchen Wasser (keinesfalls Milch) bereitstellen sollte. Auch Eis und Kälte können den Tieren nichts anhaben: Schließlich haben sie schon so manche Eiszeit überlebt: Igel gelten als eines der ältesten Säugetiere. Ihre Spuren lassen sich 60 Millionen Jahre zurückverfolgen. Als sich die ersten Menschen von Afrika aus auf den Weg nach Europa machten, folgten die Igel mit ihren kleinen Beinchen auf den Fersen.

Heute sind sie weit verbreitet, selbst in der Wüste haben sie eine Heimat gefunden, verfügen dort allerdings über besonders lange Ohren, über die sie die Körperwärme abbauen. Amerika und Australien sind bis heute „igellos“. Dort kann sich niemand an diesen ebenso wundersamen wie wehrhaften Stachelkugeln erfreuen, die sich gern schmatzend oder schnaufend im Laub bemerkbar machen und mal eben 6.000 bis 8.000 Stacheln mobilisieren, wenn sie sich angegriffen fühlen. Dass der Igel sich nie in seiner langen Entwicklungsgeschichte mit anderen Tieren gekreuzt hat, dass er nahezu unverwundbar ist, wenn er seine Haut wie einen Beutel über Füßchen und Köpfchen zusammengezogen hat, begründet seine Ausnahmestellung unter allen anderen Säugetieren.

Die renommierte Literaturkritikerin Verena Auffermann hat dem Igel jetzt in der „Naturkunden“-Reihe des Matthes & Seitz-Verlags ein Porträt gewidmet. Ihre eigene Begeisterung für dieses „rätselhafte“ Tier ist in dem Buch auf jeder Seite spürbar. Neben den vielen biologischen Fakten lädt sie ein zu einer Entdeckungsreise durch die Kultur- und Literaturgeschichte, in denen die stacheligen Vierbeiner zahlreiche Spuren hinterlassen haben - von den Höhlenmalereien in Lascaux über den Dürer-Igel, der womöglich gar nicht von Dürer selbst stammt, bis hin zu Mecki, der liebenswerten, vielfach verewigten deutschen Comicfigur, und trendigen Igelkraulcafés in Japan. Dass Tolstoi und Dostojewski dem Stacheltier ein literarisches Denkmal errichtet haben, dass das Märchen vom Wettlauf zwischen Hase und Igel den kleinen Vierbeiner ob seiner Cleverness ehrt, dass auch zeitgenössische Autoren wie Peter Bichsel oder Peter Kurzeck ihm ihre Aufmerksamkeit widmen: All das freut die Literaturkritikerin Auffermann besonders – und erfreut alle Literaturfreundinnen und -freunde, die an diesem wunderbar illustrierten und hochwertig gestalteten Büchlein mit Sicherheit ihre helle Freude haben werden.

Rita Mielke

Verena Auffermann: Igel. Ein Porträt. Berlin: Matthes & Seitz. 2021. 127 S., 20,- Euro