Selbstfindung im Herz der Finsternis

In einer Zeit, in der die Medien noch nicht so übersättigt waren mit Pseudo-Skandälchen Pseudo-Prominenter, hatte die sogenannte „Galapagos-Affäre“ das Zeug, über Wochen und Monate die Gemüter, nicht nur in Deutschland, zu bewegen. Alles begann mit der Robinsonade eines Berliner Arztes, Friedrich Ritter, der sich mit seiner Geliebten Dore Strauch 1929 auf Floreana, einem unbewohnten, zu den Galapagos-Inseln gehörenden Eiland, niederließ. Ihnen folgten 1932 Heinz Wittmer, Mitarbeiter im Sekretariat des Kölner Oberbürgermeisters Konrad Adenauer, und dessen Ehefrau Margret mitsamt Sohn Harry. Schließlich reiste die glamouröse angebliche Baronin Eloise Wagner de Bousquet mit ihren Begleitern Rudolf Lorenz und Robert Philippson an, um auf Floreana ein Luxushotel zu richten. Von da an wird alles mysteriös: 1934 verschwanden die Baronin und ihr Freund Philipson: Angeblich waren sie auf einer Yacht unterwegs Richtung Tahiti. Das Paar ward nie mehr gesehen, auch nicht auf Tahiti. Lorenz, der Dritte im Bunde, verließ Floreana auf einem Fischerboot des Norwegers Trygve Nuggerud. Die Leichname der beiden wurden im November am Strand einer unbewohnten Insel gefunden. Schließlich starb der Vegetarier Friedrich Ritter auf Floreana – ausgerechnet an einer Fleischvergiftung. Aufgeklärt werden konnten die dubiosen Vorfälle nie. Die Insel überschattet seitdem der Mythos eines bösen „Fluchs“. – Diese spannenden und gut dokumentierten Vorfälle liefern den historischen Hintergrund für den neuen Roman des Kölner Autors und „lit.Cologne“-Erfinders Werner Köhler. Aber es sind nicht der historische Stoff und all die ungelösten Fragen, an denen er sich abarbeitet. Vielmehr erzählt er in einer meisterlichen Verknüpfung von Abenteuer- und Selbstfindungsgeschichte von einem in der Jetztzeit angesiedelten Geschehen, in dessen Mittelpunkt der frisch pensionierte Banker Harald Steen steht. Der will sein bisheriges Leben hinter sich lassen, zugleich seiner rätselhaften Familiengeschichte nachspüren und reist zu diesem Zweck eben nach Floreana. Wie Steen auf der Insel mit den Unbilden der Natur und dem Misstrauen der wenigen Bewohner zu kämpfen hat, wie er mit alten Lebensgewohnheiten brechen und sich abenteuerlich „wilde“ Lebensweisen aneignen muss, all das schildert Köhler mit einer Unmittelbarkeit und Eindringlichkeit, die uns als Leser*innen mit auf dieses ferne Inselchen katapultiert. Mit einem dramaturgisch geschickt angelegten Spannungsbogen lässt Köhler zunächst in der Schwebe, wie die Verbindung zwischen Steen und den früheren deutschen Zivilisationsflüchtlingen zu deuten ist. Steens Entwicklung auf Floreana vollzieht sich als Prozess des Sich-Verlierens, aus dem allmählich ein Sich-neu-Finden erwächst. Nicht unbeteiligt daran sind ein Hund und Mayra, eine Inselbewohnerin, vor allem jedoch die geradezu soghafte Eindringlichkeit, mit der sich die Insel seiner Seele und seines Geistes bemächtigt und die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Wahn zuweilen verwischen lässt. Wie Werner Köhler diesen Stoff entwickelt, ist große Erzählkunst, der man mit jeder gelesenen Seite mehr verfällt: „Aber denkt man erst einmal über das Ende der Welt nach, stößt man auf das Ende der Dinge und da fängt alles Erzählen an. Das Erzählen endet nie.“

Werner Köhler: Die dritte Quelle. Köln: Kiepenheuer & Witsch. 2022. 430 S., 22,00€