Der Wortschatz der Frauen

Sprache und Geschlechtergerechtigkeit: Das bewegt aktuell einmal wieder die Gemüter! Dass das Thema nicht neu ist, dass es hoch spannende historische Dimensionen bietet, über die „man“ so vielleicht noch nie nachgedacht hat: All das ist einer der grandiosen Lerneffekte, die der Debütroman der australischen Autorin Pip Williams Leserinnen und Lesern beschert.
„Die Sammlerin der verlorenen Wörter“ verbindet dabei historische Fakten rund um die Entstehung des legendären „Oxford English Dictionary“ mit einer fiktiven Geschichte rund um die Ich-Erzählerin des Buches, ein kleines Mädchen, Esme, durch den Tod der Mutter zur Halbwaise geworden, und vom Vater und einem Hausmädchen, Lizzy, liebevoll umsorgt. Esmes Vater ist Lexikograph und arbeitet mit vielen anderen Männern in einer Art Wellblechschuppen, den James Murray, historisch verbürgt, in seinem Garten errichtet hat, um dort Tausende von Zetteln zu sammeln, auf denen die Wörter für sein geplantes Wörterbuch gesammelt, sortiert und bearbeitet werden.
Esme darf den Vater begleiten, sitzt oft Stunden unter dem Tisch und sammelt dort all jene Zettel auf, die die Männer bei ihrer Arbeit „entsorgen“. Da Esme klug ist und in Lizzy eine kluge Freundin hat, fällt ihnen irgendwann auf, dass all die Wörter, für die die Männer keine Verwendung haben, vor allem „Frauen-Wörter“ sind, Begriffe, die die Lebenswelt der Frauen betreffen. Und so beginnt Esme, eine eigene „Sammlung“ anzulegen, beginnt, sich Gedanken darüber zu machen, warum Wörter für Männer augenscheinlich eine andere Bedeutung und Wertigkeit haben als für Frauen – und beginnt sich gegen dieses Unrecht, das nicht nur die Sprache betrifft, aufzulehnen.
Wie aus dem kleinen Mädchen eine engagierte Kämpferin für die Rechte der Frauen wird, erzählt Pip Williams, schwungvoll, unterhaltsam – und klug. Dass in den Entstehungsjahren des Oxford English Dictionary zwischen 1857 und 1928 die weibliche Welt in England ebenso wenig in Ordnung war wie irgendwo sonst, ist nicht unbedingt neu. Aber es macht doch immer wieder sprachlos, welche Ausmaße in einer bornierten, von Männern geprägten Welt die Herabwürdigung von Frauen haben konnte. Der Dank in der ersten Auflage des nach immerhin 70 Jahren endlich fertiggestellten Lexikons nannte nur beteiligte Lexikographen namentlich. Die in späteren Phasen beteiligten Frauen blieben unerwähnt. Bei dem Galadiner zum Erscheinen der Erstausgabe waren nur die Männer geladen. Die Frauen durften von der Empore zuschauen!!!
Keine Erfindung von Pip Williams – sondern historische Realität!!! Da wundert es fast nicht mehr, wie sehr das Gender-* auch heute noch die Gemüter zu erhitzen vermag.

Rita Mielke

Pip Williams: Die Sammlerin der verlorenen Wörter. München: Diana. 2022. 528 S.