Ein Gartenparadies in dunkler Zeit

Im wahren Leben hieß sie Else Hoffa, sie war die erste deutsche Obergärtnerin – und ihre Arbeitsstätte war der legendäre Garten der Bankiersfamilie Warburg in Hamburg-Blankenese. Der „Römische Garten“ mit seinem mediterranen Flair, mit einem abgegrenzten Rosengarten, einem Seerosenbecken und einem Freilicht-Hecken-Theater gehört auch heute noch zu den gärtnerischen Perlen der Hansestadt. Aber kaum jemand kennt die Geschichte dieses Gartens und jener Frau, die ihm zu Beginn des 20. Jahrhunderts seine unverwechselbare Gestalt verlieh.
Das hat die Hamburger Journalistin Marion Lagoda, die spezialisiert ist auf Gartenthemen, jetzt geändert. In einem Roman nähert sie sich der Lebensgeschichte der Else Hoffa an, die in ihrem Buch Hedda Herzog heißt und 1913 ihre Stelle bei der Bankiersfamilie „Clarenburg“ antritt. Es wundert nicht, wenn Marion Lagoda im Interview gesteht, dass die Recherche ausgesprochen mühsam war, weil kaum verwertbare Dokumente zum Leben ihrer Protagonistin auffindbar waren. Trotz der viel gelobten „Damen mit den grünen Daumen“, wie sie insbesondere im englischen Raum seit Ende des 19. Jahrhunderts mit prächtigen Gartenanlagen bekannt geworden waren (z.B. Gertrude Jekyll oder Vita Sackville-West), wurde eine Frau, die ihren Lebensunterhalt als Gärtnerin verdienen wollte, äußerst kritisch beäugt, von der Gesellschaft wie von ihren männlichen Kollegen gleichermaßen.
Marion Lagoda beschreibt die Konflikte, die Hedda/Else an ihrem Arbeitsplatz ausfechten muss, mit den Mitarbeitern, mit der eifersüchtigen Dame des Hauses, mit der despektierlichen Verächtlichkeit der noblen Hamburger Gesellschaft. Eingebettet wird diese Erzählung in die brisanten Zeitverhältnisse, die im 1. Weltkrieg den Anbau von Obst und Gemüse auf den Ländereien erforderlich machte, um die Grundversorgung der Familie zu gewährleisten, bis hin zu den Entwicklungen im Dritten Reich: Da gerieten nicht nur die Clarenburgs/Warburgs als Juden zunehmend in Bedrängnis, auch Hedda/Else als Halbjüdin war gefährdet. Dass sie zudem junge jüdische Frauen ausbildete, damit sie sich nach ihrer Auswanderung nach Palästina sinnvoll nützlich machen könnten, machte sie bei den neuen Machthabern zusätzlich suspekt.
Marion Lagoda erzählt die Lebensgeschichte der Else Hoffa ebenso unaufgeregt wie einfühlsam. Ihre eigenen gärtnerischen Kenntnisse – von Rosenzüchtungen bis hin zu Gemüseanbau – verleihen dem Buch eine zusätzliche, hoch informative Dimension. Der spezifische Blickwinkel, aus dem sie die Zeitgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts erzählt, macht deutlich, dass es über diese Epoche immer noch viele unerzählte (weibliche) Geschichten aufzuarbeiten gilt. Ein ausgesprochen lesenswerter Roman – keineswegs nur für GartenliebhaberInnen!

Rita Mielke

Marion Lagoda: Ein Garten über der Elbe. München: Bertelsmann. 2022. 384 S., 22 Euro